Leseprobe Fünf Tage Sommer

Fünf Tage SommerRelease im Juli 2017 !

 

»Hat dich niemand gewarnt, mein Lieb?
Winterherzen schmelzen im Sommer.«

 

Eine Geschichte über einen Jungen, der früh erwachsen werden musste. Und über ein Mädchen, das einsamer ist, als es ahnt – bis es zufällig seiner einstigen Jugendliebe wiederbegegnet. Welche Kraft kann ein einziger Blick des geliebten Menschen in einem freisetzen? Finden Sie es heraus und begleiten Ewa auf ihrem manchmal dunklen Weg nach Hause …

 

Leseprobe:

Es war feucht und kalt in meinem Zimmer. Unter der zu kleinen Bettdecke konnte ich meine Beine nicht ausstrecken, ganz zu schweigen davon, dass sie dann über der Bettkante hängen würden. Das war der Nachteil, wenn man mit sechzehn und einer Größe von 1,79 m noch in seinem Kinderbett schlafen musste. Der Vorteil war, dass ich wenigstens eins hatte, im Gegensatz zu vielen anderen in der Armensiedlung.

Langsam schlich sich das Rascheln tiefer in mein Bewusstsein, das mich geweckt hatte. Verschlafen drehte ich mich um. Olaf wühlte in meinem Kleiderschrank, mal wieder. Ich hätte gerne ein wenig länger geschlafen, da es der einzige Tag in der Woche war, an dem ich vor der Schule keine Zeitungen austrug. Stattdessen schob ich die Decke zurück und setzte mich auf.

»Was machst du?«, fragte ich, während ich eine Jogginghose anzog. Dabei wusste ich genau, dass er nach Geld suchte.

»Kurva, hast du mir einen Schrecken eingejagt!« Er ließ meine Jeans fallen und rieb die Handflächen an seinem schmutzigen T-Shirt. »Alec, Junge, kannste mir was leihen?«

Ich begann damit, die verstreute Kleidung aufzusammeln. Olaf roch nach Bier und altem Schweiß. So viel zu seinem Versprechen, uns in Warschau ein besseres Leben zu bieten.

»Ich habe nichts.«

»Erzähl doch nicht, gestern war Zahltag im Buchladen!« Dem plötzlichen Wutausbruch folgten liebenswürdige Bitten, und lächelnd wartete er darauf, dass ich ihm durch einen unachtsamen Blick mein Versteck verraten würde. Ruhig faltete ich meine Jeans und legte sie in den Schrank. Dabei fiel mein Blick auf die Schuhschachtel, in der ich alte Erinnerungen aufbewahrte. Der Deckel lag nicht richtig drauf.

»Verschwinde«, zischte ich.

»Wenigstens ein paar Münzen für den Kiosk!«

»Ich sagte raus.« Unsanft schob ich ihn in Richtung Tür.

»Deiner Mutter zuliebe, sie hat den nächsten Schluck nötiger als ich, weißt du …«

»Wenn du nicht innerhalb der nächsten drei Sekunden verschwunden bist, breche ich dir den Kiefer!« Er riss den Mund auf, wollte schon zu einem Lamento ansetzen. »Eins!« Ich packte ihn am Kragen.

»Schon gut, Junge, krieg dich wieder ein!«

»Zwei!«, schrie ich ihm ins Gesicht. Nun verstand er, dass ich es ernst meinte und griff zur Türklinke.

Ich half ihm mit einem kräftigen Schubs durch die offene Tür. Olaf landete unsanft auf dem Teppich, meine Mutter stand daneben und sah zu. Vermutlich hatte sie die ganze Zeit vor meinem Zimmer gewartet, in der Hoffnung, Olaf würde fündig werden. So konnte sie ihre Hände in Unschuld waschen, dachte sie. In angetrunkenem Zustand verdrängte sie die Realität problemlos. Hauptsächlich aber trank sie, um zu vergessen, dass ihre große Liebe mit ihrer besten Freundin das Weite gesucht hatte.

»Du undankbarer Bengel!«, fauchte Olaf.

»Undankbar? Wofür? Dafür, dass du deine Arbeit wegen der Trinkerei verloren hast und dich seit einem Jahr nicht mal um eine neue bemühst?«

Er rappelte sich unbeholfen auf.

»Was kann ich dafür, dass die ganzen Bonzen die Produktion nach China verlegen. Find du mal Arbeit, du mieser …«

»Ich trage fast jeden Tag vor Schulbeginn Zeitungen aus und samstags und in den Ferien arbeite ich in der Buchhandlung. Wie viele andere Sechzehnjährige kennst du, die sich ihr Mittagessen vom eigenen Verdienst kaufen?«

»Dann gib uns wenigstens was ab, du hast dich früher nicht so geizig angestellt«, nörgelte er.

»Gar nichts mehr gebe ich euch! Es genügt, dass ich den Kühlschrank füllen muss, weil ihr es nicht fertigbringt, im Supermarkt an den Wodkaflaschen vorbeizugehen!« Ich funkelte meine Mutter an, die teilnahmslos dastand. »Nach dem Abschluss kann ich im Buchladen Vollzeit arbeiten. Ich spare zwei Jahre, dann ziehe ich aus!«

»Ausziehen …?«, fragte sie mit leiser Verzweiflung.

»Ja, ich gehe, ich habe genug von euch!« Es tat mir weh, das auszusprechen, aber so konnte es nicht weitergehen. Ich musste hier raus, bevor ich mich selbst aufgab.

»Aber das Lyzeum … ohne kannst du nicht auf die Universität«, argumentierte sie mit schwerer Zunge. Ihr Anblick machte mich wütend, hilflos und verzweifelt zugleich, aber dieses Mal konzentrierte ich mich auf die Wut.

»Ich mache parallel eine Grundausbildung, und in ein paar Jahren kann ich mich dann mit dem profilierten Lyzeum an der Hochschule einschreiben. Ich spare, was ich nebenher verdiene und miete mir eine eigene Wohnung, sobald ich achtzehn bin.«

»Und was ist mit mir? Ich bin doch deine Mutter!«, schrie sie hysterisch.

»Du hörst doch nicht auf ihn, Karola? Der verdammte Bengel versucht doch nur, uns auseinanderzubringen!«, brüllte Olaf.

»Schrei mich nicht an«, keifte sie.

Während sie weiterstritten, zog ich mich in mein Zimmer zurück und schloss die Tür, durch die ihre Vorwürfe drangen.

»Ich schreie, wann ich will! Du bist doch schuld, dass ich meine Arbeit verloren habe, du mit deinem Geheule und Gezeter hast mich zum Trinken gebracht!«

»Du Lügner! Du hast schon vorher …«

Ich hörte nicht weiter hin, es war immer dasselbe. Erst die Vorwürfe, dann das Geheule, schließlich Stille, und sobald einer von ihnen etwas Geld aufgetrieben hatte und der Wodka floss, war alles vergessen. Ich nahm die Schachtel mit meinen Kindheitserinnerungen und setzte mich damit aufs Bett. Darin befanden sich Ewas Briefe.

Sie hatte mir anfangs immer Sticker und selbstgehäkelte Blumen mit reingetan. Später wurden es Liedtexte und Fotos von Ausflügen, alle versehen mit Herzen oder sonstigem Mädchenzeug. Jeden Brief, jeden Sticker hätte ich mit meinem Leben beschützt. Ich weiß nicht warum, eigentlich war es ja bescheuert … Wir hatten uns auf Deutsch geschrieben, da ich die Sprache für unser Wiedersehen gelernt hatte, nur für den Fall, dass Ewa das Polnische vergessen würde. Das war damals meine größte Angst gewesen: dass wir plötzlich verschiedene Sprachen sprechen, unsere Verbindung verloren geht. Die Briefe waren an unsere erste Wohnung in Warschau adressiert, die wir bis zu unserem Rauswurf vor einem Jahr bewohnt hatten. Fast zwei Jahre hatten wir uns geschrieben.

Anstatt die Briefe zu sortieren, las ich den letzten, den ich bekommen hatte. ›Alec, warum schreibst du mir nicht mehr?‹. ›Alec, du brichst mir das Herz. Warum nur, warum schreibst du nicht zurück? Nicht mal deine neue Telefonnummer habe ich. Alec, melde dich …‹

Wovon sollte ich ihr schon erzählen? Von den zunehmenden Saufgelagen meiner Mutter? Von den lauten Streitereien darüber, wer wem alles weggesoffen hat? Oder von den düster dreinblickenden Männern, die der Vermieter losgeschickt hatte, um die fehlende Miete aus Olaf herauszuprügeln? Nach unserem Umzug in die Armensiedlung war etwas in mir erloschen … oder, nein, es war nicht erloschen, nur nicht mehr in mir drin. Damals fühlte es sich an, als hätte mich jede Hoffnung verlassen, bis auf den kleinen Funken Ewa. Wenn ich ihr schriebe, in was für prekären Verhältnissen ich lebte, würde sie sich bestimmt angewidert von mir abwenden, und in mir würde ab da nur noch Dunkelheit herrschen. Hätte ich eine richtige Arbeit oder wenigstens eine eigene Wohnung, weit weg von diesem Abgrund, dann vielleicht … vielleicht.

Ende der Leseprobe ♥

Hier kannst Du mehr erfahren: Fünf Tage Sommer

Gedanken zum Buch

In »Fünf Tage Sommer« geht es um mehr als eine Liebesgeschichte. Es geht auch um Familie, Freunde, Sehnsüchte und Schicksale. Bei meinen ausführlichen Recherchen für den Plot, bin ich auf Berichte über Obdachlose gestoßen, die mich nachdenklich gestimmt haben. Wieso leben Menschen auf der Straße? Assoziieren wir nicht immer Drogenmissbrauch mit Obdachlosigkeit, oder ein Alkoholproblem? Bei manchen Menschen dürfte das wohl zutreffen. Aber ehrlich: es gibt so viele Schicksale, so viele Gründe. Ist diese Erklärung also eher Schubladendenken – vielleicht, um uns vor dem, was wirklich dahintersteckt zu schützen, weil wir uns der Situation nicht gewachsen fühlen? Mag sein. Und es ist nur menschlich. Es war mir ein wichtiges Anliegen Obdachlosigkeit, vor allem aber die Menschen, die damit in Verbindung gebracht werden, zu beleuchten – einzelne Schicksale aufzuzeigen, ihre Lebenswege zu zeichnen. Kacper, Dominik, Ivanca, Antonia und Alexej nehmen in dieser Liebesgeschichte jeweils einen wichtigen Part ein. Unabhängig von ihrem Misstrauen der Gesellschaft gegenüber und ihrem »äußeren Erscheinen« zum Trotz, findet sich in diesen treuen Gefährten etwas Kostbares, das wir uns in jedem Freund an unserer Seite wünschen. Ich jedenfalls tue es.

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